Die Heulboje |
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"Erregung schlechten Gewissens" lautet die Devise. Wer wird gewinnen? Die erziehungsberechtigten Dosenöffner oder die Psycho-Katze? Es fing schon vor längerer Zeit an. Maya, unsere so überaus elegante, liebenswerte Grazie muß sich nun schon über ein Jahr lang ernsthafter Konkurrenz in Gestalt einer kleinen, rotzfrechen Artgenossin erwehren. Dabei fehlt es ihr nicht an menschlicher Zuwendung, ganz im Gegenteil. Trotzdem hat sie beschlossen, stärker auf sich aufmerksam zu machen. Lautstärker. Mit subtilen Hinweisen beginnt es. Als stünde nicht meist ein Grundstock hochwertigen Trockenfutters am bekannten Eßplatz in der Küche bereit, werden Menschen, die zufällig auf dem Weg durch die Wohnung sind, im Flur abgefangen und mit großen, flehenden Augen angestarrt. Eine Sekunde später stürmt Maya Richtung Küche, nicht ohne sich durch ständiges Umdrehen zu vergewissern, daß mensch ihr folgt. (Stichwort: Katze dressiert Dosenöffner.) Dann erfolgt ein beherzter Satz auf den Plastik-Mülleimer. Dieser steht vor der Kühlschrank-Gefrierschrank-Kombination, die sich dadurch auszeichnet, daß ganz oben, über dem Kühlschrank, noch ein weiteres Fach angeordnet ist. Dieses Fach ist das Objekt der Begierde. Darin befinden sich "Kekse". Nahrhafte, knusprige Kekse. Sie kommen in großen Beuteln von renommierten Katzenfutter-Herstellern, riechen lecker und knacken schön, wenn man draufbeißt. Hierbei ist es völlig egal, ob im ebenerdig zugänglichen Futternapf noch eine gewisse Menge solcher Kekse der Vertilgung harrt. Das, was hinter der geheimnisvollen Klappe verborgen ist, ist bestimmt viel leckerer. Wir machen uns also auf dem Plastik-Mülleimer schön lang und strecken uns demonstrativ nach oben, wobei erneut der flehende Blick angewandt wird. Bislang half es oft, die bettelnde Katze beherzt zu greifen und vor den ebenerdig zugänglichen Futternapf zu setzen, wo eine gleichwertige Mahlzeit ohne Mühen zu erreichen war. (Stichwort: Wir tragen die Katze zum Essen.) Seit einiger Zeit hat Maya jedoch ihre Methode der psychologischen Manipulation verfeinert und setzt uns damit gehörig unter Druck. Folgendes Mittel wird nun angewandt: Sobald ein Mensch die Küche betritt, erklimmt Maya mit einem graziösen Satz die Rückenlehne eines Stuhls, so daß sie (fast) auf gleicher Augenhöhe ist. Sobald der solcherart fixierte Mensch seinen Blick in Mayas Augen richtet, entringt sich ein gequälter Schrei ihrer Kehle. "Wuuuaaaaahhhh!" ertönt es markerschütternd. Der flehentliche Blick ist nach wie vor integraler Bestandteil der Strategie. Dermaßen angesprochen, ist es einem Menschen mit halbwegs intaktem Sozialverhalten und ordentlicher Erziehung natürlich nicht möglich, die Konversation an dieser Stelle abzubrechen. Folglich blicken wir Maya an und sagen etwas in der Art wie "Hallo, du kleiner Schatz, was möchtest du uns denn sagen?". Das ist natürlich ein Fehler. Sie hat nun unsere Aufmerksamkeit und antwortet prompt mit "Aiiiiiiiiiiiiiiiiiiik". Der Blick wird dabei zusehends vorwurfsvoller. "Als ob du nicht wüßtest, was ich jetzt dringend brauche", spricht ihr ganzer Körper zu uns. Wir zucken innerlich die Schultern, und, ganz praktisch orientiert, schnappen die Katze und setzen sie vor den Futternapf, der immerhin noch einige Kekse beinhaltet. Es ist zwecklos. Ungefähr drei Millisekunden später steht Maya wieder hochaufgerichtet oben auf der Rückenlehne des Stuhls, blickt uns mit einer Mischung aus Vorwurf und Verständnislosigkeit an und äußert mit einem langgezogenen "Auuuuuuuuuuuuuhh" erneut sehr deutlich ihre Befindlichkeit. Die Welt ist zweifellos ein Jammertal. Wir beschließen, das Verhalten des Tieres absichtlich mißzudeuten und anzunehmen, es wolle lediglich in ein Gespräch mit uns eintreten. Also beginnen wir, uns mit Maya zu unterhalten. Daraus entspinnt sich ein interessanter Dialog, in dessen Verlauf uns jedoch schnell klar wird, daß Mayas Beiträge ausschließlich aus herzzerreißenden Klagelauten und demonstrativen Blicken in Richtung oberer Klappe bestehen. Ich leide so sehr, teilt sie uns nachdrücklich mit, das könnt ihr nur auf eine bestimmte Art und Weise lindern. Ein klarer Fall von Erpressung, beschließen wir. Nicht zuletzt sind die Futterplätze für alle drei Katzen zugänglich, von denen wir eine schon mal beinahe bei den Weight Watchers angemeldet hätten. Also bleiben wir schon aus rein praktischen Gründen hart. Als wir skrupellos die Küche verlassen, ohne die begehrte Klappe geöffnet zu haben, gellt uns ein "Oaaaauuuuuhhh" vorwurfsvoll in den Ohren. Noch halten wir durch. Noch. |