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Die Wetterauer Memmen

Mit der Tapferkeit ist es so eine Sache. Hinter einer sicheren Absperrung lassen sich "Feinde" auf der anderen Seite trefflich anknurren. Geht es jedoch mal richtig ans Eingemachte, sieht das schon ganz anders aus.

Aber eins nach dem anderen.

Die Ausgangslage ist die: Unsere drei Grazien sind bekanntermaßen reine Wohnungs- und Terrassentiger. Sina, die Katze unserer Vermieter jedoch, die einen Stock höher lebt, hat im Hausflur eine Katzenklappe zur Verfügung, durch die sie ein- und ausgeht, wie sie mag. Im Augenblick wird sie von uns versorgt. Ihre Dosenöffner sind in Urlaub, Fütterung des Raubtiers sowie Verteilung von Schmuseeinheiten obliegen derzeit uns.

Die Zeit: Fast noch nachtschlafend. Die Sonne ist eben erst aufgegangen. Ihr Erzähler und seine Liebste befinden sich noch mitten im Schlaf der Gerechten.

Plötzlich dringt markerschütterndes Geheul an ihre Ohren. Es handelt sich um eine derart intensive Geräuschkulisse, daß die beiden -- ganz untypisch -- unvermittelt vom Traumland in alarmierten Wachzustand überwechseln und aus den Federn fahren. Hastig werden irgendwelche gerade griffbereit liegende Kleidungsstücke übergeworfen. Aus den Augenwinkeln sehen sie drei Katzen blitzartig das Weite suchen.

Das Geschrei ist lokalisiert. Es kommt aus dem Treppenhaus und hört sich fürchterlich an. Lautes, hohes Wehklagen wechselt mit heiserem, bösartig klingendem Kreischen. Der erste Gedanke: Um Himmels willen, mit Sina ist irgendetwas. Sie hat sich schrecklich verletzt, oder es ist sonst etwas Schlimmes geschehen.

Die Tür fliegt auf, zwei Menschen stürzen entsetzt ins Treppenhaus -- und sehen sich einer offenkundig hochgefährlichen Situation gegenüber.

Einen Treppenabsatz höher sitzt ein Kater aus der Umgebung. Er ist weiß-grau und hat langes Fell, weswegen er bei uns den Namen "Wuschelkater" trägt. Er preßt sich in eine Ecke und scheint nicht so recht zu wissen, wohin er soll, zumal mitten in seinem Fluchtweg plötzlich zwei Zweibeiner aufgetaucht sind.

Einige Stufen darüber kauert Sina, die Augen weit offen, die Ohren zornig angelegt, und schreit ihn nach Leibeskräften an. Ganz offensichtlich verteidigt sie den Zugang zu ihrem Revier mit aller Macht. Der Kater drückt sich starr vor Schreck weiter in die Ecke angesichts der Lautstärke der Gardinenpredigt, die ihm gerade zuteil wird.

Ihr Erzähler kann eine gewisse Erleichterung nicht von sich weisen. Katzenklappen funktionieren eben in beide Richtungen. Sina wird nun angefeuert, es dem Einbrecher verbal mal so richtig zu zeigen. Aber recht schnell erkennen wir, daß der beste Weg, die Situation zu klären, im Öffnen der Haustür besteht. Diese Fluchtmöglichkeit wird vom Wuschelkater auch sofort wahrgenommen: ein weiß-grauer Blitz verläßt mit Lichtgeschwindigkeit den Hausflur.

Sina wird nun noch eine Weile für ihren tatkräftigen Einsatz gelobt und geherzt. Sie bekommt eine Extraportion Futter und kriegt sich anschließend vor lauter Zärtlichkeit gar nicht mehr ein.

Zurück in der eigenen Wohnung, ist Ihr Erzähler leicht überrascht, keine Katzen anzutreffen. Streichen normalerweise immer mindestens ein oder zwei Grazien im Flur um seine Beine, ist nun weit und breit kein pelziger Vierbeiner zu sehen. Eine intensive Suche ergibt, daß Sita sich mucksmäuschenstill in einer Ecke des Bügelzimmers aufhält. Maya hingegen sitzt sehr tapfer im Wohnzimmer unter dem Sofa. Billie schließlich hat sich ausgesprochen gründlich irgendwohin geflüchtet und ist gar nicht zu entdecken.

So ist es also, erkennen wir ernüchtert, um den Mut unserer Tiere bestellt. Waren wir bislang der Meinung, zuverlässige Polizei-Katzen zu beherbergen (wehe, ein bestimmter Kater nähert sich von außen dem Katzennetz an der Terrasse: er wird nach Leibeskräften angeknurrt und attackiert), so sind wir nun eines Besseren belehrt. Kommt es einmal hart auf hart, so können wir wohl nicht auf sie zählen ...

 
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