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Erfahrungsbericht. So erlebten wir die Epilepsie
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engelsstaub



Anmeldungsdatum: 07.06.2004
Beiträge: 244

Verfasst am: 03.12.2004 - 12:48    Titel: Erfahrungsbericht. So erlebten wir die Epilepsie  

Ich hoffe, dass ich nicht nerve :wink: Aber dieses Thema liegt mir sehr am Herzen.
Dies ist ein Bericht in Tagebuchform geschrieben, der sehr persönlich schildert, wie ich Tarzans "Zustand" empfunden habe, wie es zur Diagnose kam und was es auch gekostet hat. Es soll Betroffenen ein wenig helfen, die vielleicht ähnliches beobachten und so wie ich lange nicht wußten, was mit dem Tier ist, ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleine sind.

Tarzans Geschichte:

Tarzan zog im Mai 2003 bei mir ein. Er war ein zarter, aktiver Kater. Bereits nach ein paar Tagen fiel mir auf, dass er sich veränderte. Er hatte Angst vor dem bett, indem er die Nacht davor schlief, zuckte beim kleinsten Geräusch zusammen. Er hatte massive Probleme zu springen und verfehlte eindeutig häufig sein Ziel.
Damals hielt ich es für tolpatschig, da ich keinerlei Erfahrungen mit Katzen sammeln konnte. Nachdem er kastriert wurde, wurde er schwer krank. Die Tierärztin wußte nicht, was ihm fehlte. Er gesundete wirklich wie durch ein Wunder. Nachdem es ihm besser ging, sah ich plötzlich, dass er (es war im Schlaf) auf der Seite lag und wild zuckte. Ich dachte, dass er träumt und versuchte ihn sanft zu wecken. Das gelang mir erst nach ein paar Minuten.
Die plötzliche Schreckhaftigkeit blieb und er bekam von der TÄ Bachblüten. Sein Zustand änderte sich rasch und er war wieder der ungestüme, kleine Kater.

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Im Sommer 2003 zog Josie ein und es war anfangs eine richtig schöne Zusammenführung. Tarzan freute sich sehr über kätzische Gesellschaft.
Seine seltsamen "Anwandlungen" kamen immer wieder, aber hielten nicht lange an. Ich hielt es noch immer für eine "Macke".

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Silvester 2003 auf 2004 passierte etwas traumatisches für ihn: Er saß auf der Fensterbank und ein Knaller explodierte sehr nah bei ihm. Zu nah. Der Kater "verwandelte" sich augenblicklich. Sein Gesicht war verzerrt, die Pupillen stark geweitet, er verkroch sich tagelang und traute sich nicht mehr hervor. Er erkannte nichts und niemanden mehr. Auch mich nicht. Für mich war es eine Reaktion auf das Erlebnis und ich gab ihm Bachblüten. Da fing zum ersten mal sein Rücken an zu zucken. Unkontrolliert zuckte er und es sah aus, als wenn der Rücken "Wellen schlägt". Ich vermutete nervliche Überlastung.

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Tarzan ist schon immer sehr dominant Josie gegenüber gewesen, doch plötzlich reagierte er extrem aggressiv auf sie. Josie wagt sich kaum noch durch die Wohnung. Tarzan drängt sie in die Ecke, beißt sie, ist wie blind vor Wut. Nichts kann ihn aufhalten. Selbst ich wurde bei dem Versuch ihn abzuhalten gekratzt und gebissen. Wieder Bachblüten. Das half erst einmal und ich hoffte, dass es vorbei geht.

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Ich habe noch immer den Eindruck, dass er nicht richtig sehen kann und lasse ihn untersuchen. Ergebnis: Augen vollkommen in Ordnung.

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Tarzan erkrankt wieder schwer. Dieses mal hat er eine dicke Blasenentzündung. Antibiotika. Tarzan ist sehr mürrisch und wieder aggressiv. Es tauchen extreme Angst- und Panikattacken auf. Ich finde Gries im Urin (Tarzan urinierte mir extrem in die Wohnung). Erneute Untersuchung: Struvitsteine. Es gibt Tabletten und Antibiotika.

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Ich dachte, dass seine "Ausbrüche" von den Schmerzen kommen. Sein Rücken zuckt noch immer.

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Tarzan geht es langsam wieder besser und er blüht auf. Hoffnung!

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Nach einigen Wochen uriniert er wieder in die Wohnung. Ich nehme sofort eine Urinprobe. Blasenentzündung ohne Steine. Finde nach ein paar Tagen wieder Gries. Diätfutter, Antibiotika. Tarzan geht es sehr schlecht. Panik-Angstattacken und aggressive Ausbrüche sind schon an der Tagesordnung.

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Ich gehe mit dieser Schilderung zur Tierärztin. Da es immer schlimmer wird, glaubte ich langsam nicht mehr an "nur Schmerzen" oder an eine "Macke". Ich las wegen seines Rückens über das Rolling-skin-syndrome und Tarzans Verhalten passten in diese Zusammenfassung von Symptomen. Tarzan bekommt eine Hormonspritze und es geht ihm schnell besser.

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Tarzan geht es wieder gut. Ich hoffte, dass nun alles gut ist.

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Rückschlag. Tarzan scheint Dinge zu sehen, die nicht existieren. Er schlägt nach imaginären Sachen, die für ihn scheinbar in der Luft schwirren. Er ist extrem ängstlich, dann wieder aggressiv. Es ist unheimlich, wenn er vor mir sitzt, und Dinge fangen will, die offensichtlich nicht da sind. Er fixiert irgendetwas und erschrickt fürchterlich. Er erkennt wieder seine Umgebung und Menschen nicht mehr. Sogar vor Josie läuft er weg. Sein Rücken ist nur noch ein Zucken. ich bin verzweifelt und gehe wieder zur Tierärztin. Hormonspritze.

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Tarzan erholt sich nicht wirklich. Entweder liegt er apathisch herum oder er ist ein Bündel Angst. Seine Attacken Josie gegenüber werden unerträglich für alle. Josies Schreie schallen täglich durchs ganze Haus. Ich weiß nicht mehr weiter und habe das Gefühl, dass er sich hier nicht wohlfühlt und deshalb so extrem reagiert. Abgeben? Ich entscheide mich dafür alles zu tun, dass er bei mir bleibt. Tarzan scheint meine Verzweiflung zu spüren. Er schmiegt sich oft an mich und zeigte mir deutlich, dass er hier zuhause ist. Ich habe viel geweint, weil ich nicht mehr weiter wußte. Was kann ich noch tun?

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Tarzan hat offensichtlich wieder eine Blasenentzündung. Diesmal fahre ich in eine Tierklinik. Dort schildere ich auch Tarzans Verhalten. Dort fällt zum ersten mal der Begriff "Epilepsie". Ich fühle mich wie vom Donner gerührt. Mein Tarzan hat Epilepsie? Was muss er noch alles ertragen? Ich bin sehr traurig und weine um mein geliebtes Tier.
Im Auto schien er mir die Bestätigung geben zu wollen. Er schrie plötzlich, war sehr unruhig, die Nickhäute waren zu sehen und dann zuckte er. Ich dachte, dass er stirbt. Nach endlosen Minuten war es vorbei. Tarzan war offensichtlich sehr übel und er war erschöpft. Zuhause stürzte er sich auf sein Futter. Zu beobachten war danach ein sehr verkrampfter Gang. Den hatte er vorher schon, doch schob ich das auf seine Blasenentzündung. Ihm taten nach dem Krampfanfall die Muskeln weh. Hatte er auch Anfälle, wenn ich nicht da war? Welch Horrorvorstellung. ich erinnerte, mich an sein Zucken, welches ich für träumen hielt. Ich fing an viel über Epilepsie bei Katzen zu lesen.
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Tarzan geht es nur noch schlecht. Er schien aufgeben zu wollen und man hätte meinen können, dass er resigniert hat. Halluzinationen hat er täglich.
Ich fühlte mich so hilflos.

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In der Tierklinik fragte mich der Arzt, ob wir Luminal ausprobieren wollen. Einfach so?
Der Arzt meinte, dass der Stress der Untersuchungen für Tarzan nicht zumutbar wäre. Er tippt auf Störungen im ZNS. Ich stimmte nach langen Überlegen dieser "Ausschluß-Diagnostik" zu. Es muss etwas passieren. Tarzan bekommt in Wasser aufgelöst sehr niedrig dosiert Luminal.

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Tarzan erholt sich innerhalb einer Woche. Es geht ihm von Tag zu Tag besser.

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Nach meinen Schilderungen gabs keinen Zweifel mehr. Tarzan hat epileptische Anfälle und auch seine anderen Symptome passen in das Krankheitsbild. Hätte ich das nur vorher gewußt....warum kam keiner der anderen Tierärzte darauf? Ich mache mir große Vorwürfe, dass Tarzan so lange leiden musste.
Tarzan bekommt Luminaletten verschrieben. Eine halbe am Tag muss er nehmen.

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Ich befürchtete, dass Tarzan dadurch sehr müde und antriebslos wird. Doch er blühte wieder auf. War aktiv, nahm wach am Leben teil, spielte ausgelassen mit Josie.

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Tarzan hat wieder eine Blasenentzündung. Doch dieses mal hat er keine Panikattacken und sein Rücken zuckt auch nicht mehr. Extrem aggressiv ist er ebenfalls nicht. Er schläft momentan allerdings sehr viel und wird meist nur kurze Zeit sehr lebhaft. Scheinbar ist dies auch bei ihm eine Nebenwirkung des Medikamentes. Hinzu seine Entzündung und ein Abszess, der nicht richtig heilen will.
Ich bin froh, dass wenigstens seine Halluzinationen vorbei sind und er sich wieder angstfrei bewegen kann. Ich bemühe mich ihn möglichst stressfrei leben zu lassen. Nächstes Jahr wird ein großer Check bei ihm anstehen. Ich hoffe, dass er sich bis dahin von seiner Entzündung erholt.

Ich habe Hochachtung vor diesem tapferen Kater, der immer wieder kämpft.
Ich liebe ihn über alles und habe oft Gewissenskonflikte, ob das Leben so für ihn lebenswert ist. Wenn ich aber sehe, dass er sich wohlig auf dem Boden rollt, alles niedertretelt, was ihm zwischen die Pfoten kommt, er übermütig in seinen wachen Phasen heruspringt, denke ich, dass er leben will. Gerade seine Krankheit(en) hat/haben uns auf besondere Art und Weise zusammengeschweißt. Er vertraut mir bedingungslos und dafür danke ich ihm.
Momentan (November 2004) ist er, was seine Anfälle betrifft, nahezu beschwerdefrei.

Ich muss dazu sagen, dass ich nicht jeden Tierarztbesuch aufgeschrieben habe. Das würde Seiten füllen. Es sind nur diese erwähnt, die zu einer Aussage führten. Weitere Diagnosen waren: Gehirntumor, psychische Störungen, "der ist halt so", außerdem wurde lange FIP vermutet, was aber wieder einen anderen Hintergrund hat und eine neue Geschichte bedeuten würde. Die Leidensgeschichte bezüglich seiner Struvitsteine sind auch nur erwähnt, weil er gerade mit dieser Erkrankung zusammen extrem reagierte. Das wäre auch wieder eine einzelne, neue Geschichte.
Wir haben sehr viele Tierärzte aufgesucht und keiner konnte uns wirklich helfen.

Zeitraum bis zur Diagnose: 1 1/2 Jahre.

Kosten: Vierstellig. es dürfte sich um die 1000 (vielleicht auch ein paar hundert Euro mehr...habe nicht mehr alle Rechnungen) Euro bewegen. Es sind aber alle Besuche in Praxen berücksichtigt, die sein geschildertes Verhalten untersuchten.
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neckarhex
Gast





Verfasst am: 03.12.2004 - 14:41    Titel:  

Hallo Wibke,

ich finde so einen Erfahrungsbericht klasse - für Betroffene oder Tierhalter, die eventuell mit dieser Diagnose konfrontiert sein könnten, ist sicher auch ein solcher anekdotischer Bericht hilfreich.

Gruß Harriet
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engelsstaub
Gast


Anmeldungsdatum: 07.06.2004
Beiträge: 244

Verfasst am: 03.12.2004 - 15:59    Titel:  

Danke :D

Ich habe, als der Begriff "Epilepsie" fiel (auch schon vorher) immer nach Erfahrungsberichten gesucht. Ich hoffe, dass es helfen kann.
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Micha
Gast


Anmeldungsdatum: 02.01.2008
Beiträge: 14

Verfasst am: 02.01.2008 - 22:50    Titel:  

Hi,das ist echt eine harte und "Traurige"Sache.
Erinnert mich an meine jetzige Situation,nur,das noch nicht klar ist was meine Katze hat.

Siehe hier im Forum unter Krampfanfälle/sehstörungen/gleichgewichtsstörung,verfasst von Micha

Auch ich hab schon jetzt ne menge Geld bei den Ärzten gelassen (bisher um die 800 eur)

Doch was sie genau hat und wie es weitergehen soll weis ich noch nicht.

Schlimm,wenn man Tränen der Verzweiflung vergiesst....
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Ilsebilse
Gast


Anmeldungsdatum: 18.10.2006
Beiträge: 280

Verfasst am: 03.01.2008 - 01:43    Titel:  

Hallo Wibke,

danke für den Erfahrungsbericht! Toll geschrieben und seh informativ.

Neurologie bei Katzen ist leider tatsächlich ein Thema, in dem viele TÄ sich zu wenig auskennen - es gibt in Niedersachsen noch nicht mal eine Weiterbildungsordnung dafür. Epilepsie bei Katzen ist zudem oft nicht leicht zu diagnostizieren (bei Hunden ist es häufiger, da wird dann auch eher dran gedacht).

Alles Gute für Tarzan und liebe Grüße,

Ilse
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